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Datum: 06.06.2018

Dr. Gregor Gysi als Gast beim bibor-Schlossgespräch Live-Mitschnitt zum Nachhören: Der Politiker Dr. Gregor Gysi war am 03.05.2018 Gast des „Bonner evangelischen Instituts für berufsorientierte Religionspädagogik“ (bibor). Unter dem Titel „Religion - Ressource oder Bedrohung?“ führten Prof. Dr. Michael Meyer-Blanck, der Direktor des bibor, und Dr. Monika Marose, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts, das Gespräch mit dem prominenten Gast.

Der Hörsaal X der Universität Bonn ist bis auf den letzten Platz belegt. Prof. Dr. Andreas Obermann, der stellvertretende Direktor des Instituts, begrüßt Gysi als „Mann des Wortes“. 600 Teilnehmende sind an diesem Abend gekommen, um den eloquenten Politiker zum Thema „Religion“ zu hören. Gysi ist seit 2005 Mitglied des Bundestages, ehemaliger Fraktionsvorsitzender der Linken und gegenwärtig Parteivorsitzender der Europäischen Linken. Er arbeitet außerdem als Anwalt, Autor und Moderator. Im vergangenen Herbst erschien seine Autobiographie „Ein Leben ist zu wenig“ im Aufbau-Verlag. Mit ihm ausgerechnet Fragen der Religion zu verhandeln, mag überraschen, doch Gysi äußerte sich während der letzten Jahre immer wieder zu religiösen Themen, im Rahmen des Reformationsjubiläums hatte er in der Michaeliskirche in Leipzig eine Kanzelrede zum Römerbrief (12,17-21) gehalten. Gysi, der bekennende Atheist, bricht im Laufe des Abends mehr als eine Lanze für die wesentliche Bedeutung von Kirche in der Gesellschaft, da er eine „gottlose Gesellschaft“ fürchte. Seiner Auffassung nach könnten zurzeit vor allem „die Kirchen grundlegende moralische Wertvorstellungen allgemein verbindlich in der Gesellschaft prägen“. Gysi selber bezeichnet sich als christlich geprägt, wenn auch nicht christlich erzogen. Das Gebot der „Feindesliebe“ wurde ihm zur Ressource, im Jahr 1990 entschloss er sich ganz bewusst angesichts vehementer Anfeindungen im Bundestag und in der Gesellschaft dem für ihn christlich begründeten Motto zu folgen: „Ich hasse nicht zurück!“ Diese Haltung verlieh ihm Souveränität. Gysis, etwas modifizierte, sprachliche Aktualisierung des Bibelverses (Mt. 5,43-44) ist angesichts von Tendenzen zunehmender Verrohung in der Gesellschaft brandaktuell. Gysis eingängige Formulierung lädt ein zur Konzentration aufs Humanum. Er plädiert engagiert für die Werte der Aufklärung, vor allem die Vernunft gebe ihm persönlich Halt. Meyer-Blancks These „Bildung ohne Religion“ sei „unvollständig“ und „Religion ohne Bildung gefährlich“ stimmt Gysi unter der Voraussetzung zu, dass Religionsunterricht notwendig freiwillig zu sein habe und grundsätzlich zum Verständnis der Religionen untereinander beitrage. Eine Erziehung zu Toleranz, die Vermittlung von Wissen über die Vielfalt von Religionen und Kulturen vermag ebenso, ein Fach wie „Ethik“ zu leisten. Dieses und Vieles mehr ist Gegenstand des Diskurses. Gysi als Gesprächspartner ist gewohnt schlagfertig, kosmopolitisch, scharfsinnig und humorvoll, sein Schatz an pointenreichen Anekdoten schier unerschöpflich. Die Wertschätzung des Publikums ist ihm gewiss. Immer wieder werden seine Ausführungen von Applaus unterbrochen. Hier spricht ein brilliant argumentierender Philanthrop, der von sich sagt, er bemühe sich die Menschen zu nehmen, „wie sie sind“, durchaus „moralisch unvollkommen“. Nach einer kurzweiligen Stunde bewahrheitet sich wieder einmal das Zitat aus Bertolt Brechts Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

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