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Projekt "Jenseitsvorstellungen im Judentum, Christentum und Islam"

Monika Marose / Natalia Verzhbovska / Ekram El Baghdadi / Kirsten Fay/ Nicole Nolden

 

Jenseitsvorstellungen in Judentum, Christentum und Islam:

Unterrichtsbausteine für berufsbildende Schulen,

Göttingen 2017 (Vandenhoeck & Ruprecht)

 

Sprachlosigkeit angesichts des großen Nichts

 

„Jenseitsvorstellungen, darüber wollen wir mehr erfahren“, lautete das einhellige Votum zahlreicher Jugendlicher der Jahrgangstufen 9-13 anlässlich der Evaluation eines schulformübergreifenden Projekts zum Thema „Umgang mit Sterben, Tod und Trauer“ des Zentrums für Palliativmedizin der Uniklinik Köln. Nicht wenige Schülerinnen und Schüler beklagten gar, dass Lehrende sich im Religionsunterricht (RU) vor dem Thema „drücken“ würden.[1]

Der Wissensdurst von Schülerinnen und Schülern korrespondiert mit dem Befund des Autors und Journalisten Jürgen Wiebicke: „Nicht das Sterben ist in unserer Gesellschaft das Tabu, sondern der Tod. Das große Nichts über das sich nichts sagen lässt.“ Menschen früherer Epochen seien noch durchdrungen gewesen „von der Vorstellung, dass wir nach unserem letzten Atemzug auf irgendeine Weise fortexistieren [...] Diese Gewissheit, dieser Trost“, so Wiebicke, seien „weithin abhanden gekommen, selbst vielen unter uns, die sich für religiös halten. Ewiges Leben, unsterbliche Seele, Auferstehung der Toten – das sind Begrifflichkeiten wie aus einer anderen Zeit, die nicht mehr zu uns spricht.“[2] Folge dieser Sprachlosigkeit sei „eine Heidenangst vor dem Sterben“.[3] Und nicht nur das Sterben, auch das Trauern - so bliebe zu ergänzen – wird angesichts des Versiegens Jahrtausende alter Trostquellen erschwert.

Schülerinnen und Schüler aber sind klug und wünschen, klüger zu werden. Sie haben das natürliche Bedürfnis, das Ungewisse zu thematisieren und möglichst viel in Erfahrung zu bringen über das vermeintlich „große Nichts“, diesen Skandal, den der unerklärlich endgültige Verlust eines Lebewesens darstellt.

In der Tat kann die begründete Hoffnung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sehr viel ändern im Leben: „Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andren muss man leben!“,[4] beschreibt Mascha Kaléko ein Leid, das allzu viele Kinder und Jugendliche schon kennen. Nicht selten ist Trauer auch die Ursache von Schwierigkeiten und verminderter Leistungsfähigkeit in Schule. Der Erfahrungsreichtum junger Erwachsener an beruflichen Schulen und Berufskollegs ist in dieser Hinsicht häufig ausgeprägt. Wenn auch statistische Erhebungen bis dato fehlen, so werden Lehrende bestätigen können, dass mitunter Brüche in Biographien Ursache sind, wenn Schülerinnen und Schüler von der Regelschule an ein Berufskolleg wechseln. Nicht eben selten ist der Verlust von Angehörigen oder Freunden ursächlich, wenn schulische Leistungen von Jugendlichen nachlassen. Einen auch nur vorübergehenden Leistungsabfall können sich Schülerinnen und Schüler angesichts des zunehmenden Leistungs- und Zeitdrucks in deutschen Bildungsstätten jedoch kaum erlauben.

 

Eschatologischer Diskurs im Religionsunterricht

 

Religionen bieten einen reichhaltigen Schatz an Bildern, Metaphern und Erzählungen zum Thema „Jenseits“. Wissen, das über Jahrtausende und über Generationen tradiert wurde und das auch heutigen Generationen keinesfalls vorenthalten bleiben sollte.

Der Religionsunterricht bietet jungen Erwachsenen einen geschützten Raum, in dem ihr natürliches Verlangen, Ende und Anfang der menschlichen Existenz zu hinterfragen, Gehör finden kann. Aufgrund von Traditionsabbrüchen und Entwurzelungen stellt der RU für viele Jugendliche häufig die einzige Möglichkeit zum eschatologischen Diskurs dar. Weder im Elternhaus, noch in Räumen kirchlichen Lebens können bzw. wünschen, sie sich auszutauschen.

 

Anliegen der Unterrichtseinheit

 

Es ist das Anliegen dieser Unterrichtseinheit, die Lernenden für das tröstliche Potential der vorgestellten Jenseitsvorstellungen zu sensibilisieren. Die jungen Erwachsenen lernen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Vorstellungen in den abrahamitischen Religionen kennen. Dies geschieht sowohl auf kognitiver Ebene durch die Vermittlung von Faktenwissen, als auch auf emotionaler Ebene durch die Schulung des Empathievermögens der Lernenden, die in ihren jeweiligen Berufen möglicherweise Trauernden unterschiedlicher Religionszugehörigkeit begegnen, sei es im Kindergarten, Altenheim oder auch in der Filiale einer Krankenkasse oder Bank.

 

Prophylaxe und Ressource

 

Das Befassen mit Jenseitsvorstellungen bedeutet weder eine Form von Eskapismus, noch ein Vertrösten auf eine später einmal erfolgende Gerechtigkeit, auf ein - wie Heinrich Heine einst spöttelte - „Eiapopeia vom Himmel“. [5] Das Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit religiösen Vorstellungen vom Jenseits können zu einer wesentlichen Ressource werden: als potentielle Trost- und Kraftquellen können diese Ängsten entgegenwirken. Kinder und Jugendliche sollten möglichst frühzeitig von Hoffnungsbildern erfahren, denn erwiesenermaßen kann die Beschäftigung mit diesen präventiv wirken und in Krisensituationen stärken.

Auch Lernende, die sich als nichtreligiös oder agnostisch bezeichnen, können profitieren, wenn sie bereit sind, sich auf die behandelten Gegenstände einzulassen. Schönheit und Tröstlichkeit von Versen aus „Heiligen Büchern“ können bereichern - unabhängig davon, ob man sie für wahr hält oder nicht.[6]

 

Ermutigung zum zivilisatorischen Fortschritt

 

Vorstellungen vom Jenseits lenken zugleich den Blick aufs Diesseits, auf die positiven Möglichkeiten, die die Realität birgt, im Hinblick auf die Entwicklung eines humanen und achtsamen Miteinanders unterschiedlicher Spezies und Lebensformen auf diesem Planeten. Der Gott der abrahamitischen Religionen wünscht ausdrücklich zivilisatorischen Fortschritt, das ist Gemeinsamkeit und Kontinuum der drei Religionen.

Der Tod eines Lebewesens lehrt das Individuum, wie verletzlich und also bewahrens- und schützenswert die Existenz ist. Das ist die Botschaft, die nicht drastischer als durch die Erfahrung von Sterben offenbar wird: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12)

 

Berufsbezug und mehr als das

 

Es liegt auf der Hand, dass das Thema „Jenseitsvorstellungen“ vor allem im Religionsunterricht sozialpädagogisch orientierter Berufskollegs nicht fehlen darf. Angehende Erzieherinnen, Kinderpfleger und Sozialhelferinnen sind als Multiplikatoren in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen immer wieder gefordert, kompetent und sensibel auch mit Fragen nach den „letzten Dingen“ umzugehen. In der Arbeit mit älteren oder kranken Menschen sehen sich Alltagsbegleiter und Pflegekräfte konfrontiert mit Reflexionen zum Thema Endlichkeit. Für Bestatter sind Kompetenzen über religiöse Jenseitsvorstellungen ebenso unerlässlich. Doch auch in vielen anderen Bildungsgängen wie dem zum Versicherungs- oder Bankkaufmann [7] können sich Kenntnisse von wahren Trostquellen in der Begegnung mit Trauernden als hilfreich erweisen. Nicht zuletzt gehört Wissen über Jenseitsvorstellungen im besten Sinne zur Allgemeinbildung, schließlich erfüllen diese keinen Selbstzweck, sondern deren Kenntnis kann von hohem praktischem Nutzen sein. So sind beispielsweise Jugendliche aus dem sog. Übergangsbereich leider häufig reich an Erfahrungen von Verlust und zeigen große Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Thema.

 

Multiperspektivität

 

Lerngruppen im evangelischen Religionsunterricht des Berufskollegs sind Spiegel unserer Gesellschaft. Hier begegnet sich eine Vielfalt von Kulturen und Nationen, Konfessionen und Religionen, auch selbstverständlich Atheisten und Agnostiker. Dem Reichtum dieser Vielfalt kann das vorliegende Werk nicht gerecht werden. Es lädt ein, einige zentrale Bilder des Jenseits aus Judentum, Christentum und Islam kennenzulernen.

Zusätzliche Materialien beleben die Auseinandersetzung mit dem Vorgestellten und laden sowohl Lernende weiterer Religionen, als auch nichtreligiöse Schülerinnen und Schüler zum Diskurs ein. Beiträge junger Erwachsener aus anderen als den hier behandelten religiösen Kontexten erweitern die Perspektive und sind grundsätzlich willkommen.

 

Vielfalt der Jenseitsvorstellungen

 

Bilder, Erzählungen, Metaphern vom Jenseits in den abrahamitischen Religionen sind zahlreich und vielfältig und haben zudem in unterschiedlichen historischen Kontexten spezielle Ausprägungen erfahren. Der evangelische Religionspädagoge Karlo Meyer bringt es auf den Punkt: „Die verbindliche Jenseitsvorstellung existiert nicht, in keiner der Religionen.“[8] Ebenso wenig wie „das Judentum“, „das Christentum“ oder „der Islam“ existieren. Die Abstrakta konkretisieren sich durch Menschen, die die Religionen leben. Und deren Vorstellungswelten sind zudem stets kulturell, konfessionell und lokal geprägt. [9]

Die Autorinnen dieses Bandes wählten Verse und Materialien der von ihnen gelebten Religionen aus, die sie persönlich als bereichernd und tröstlich beurteilen. Im Zentrum der einzelnen Module steht die Reflexion von Versen aus den jeweiligen Heiligen Schriften. Jedes Modul widmet sich einem Leitmotiv dieser Verse. Die Autorinnen mussten sich beschränken und aus der Vielfalt vorgestellter Bilder eine Auswahl treffen, sie entschieden sich für die Motive Friede, Liebe, Licht, Paradies und Auferstehung. Bei aller Unterschiedlichkeit der Jenseitsvorstellungen sind die genannten Hoffnungsbilder in jeder der drei Religionen bedeutsam. Allein diese Tatsache mag Schülerinnen und Schüler überraschen.

 

Flexibler Reihen-Aufbau

 

Je nach verfügbarem Stundenkontingent ist die Reihe variierbar. Im Anschluss an das Einstiegsmodul „Abbruchkante Tod?“ beschäftigen sich fünf Module mit einer Auswahl zentraler Motive der Vorstellungen vom Jenseits in den abrahamitischen Religionen. Zu diesen Hoffnungsbildern erhalten die Lernenden zunächst Informationstexte mit theologischen Erläuterungen. Vor dem Hintergrund dieser Informationen bearbeiten sie ausgewählte Texte aus zentralen Schriften der jeweiligen Religion. Das Textverständnis wird durch ergänzende Materialien sowie handlungsorientierte und kreative Angebote vertieft. Die Lehrenden können entweder lerngruppenspezifisch eine Auswahl weiterer zu bearbeitender Materialien treffen oder aber sie überlassen den Lernenden die Entscheidung.

Sollte die Einheit als Lernzirkel durchgeführt werden, sind sowohl das Einstiegsmodul, als auch die theologischen Infotexte zu Beginn jedes Moduls sowie die folgenden Arbeitsblätter mit Versen aus zentralen Schriften der jeweiligen Religion Pflichtstationen. Die Module sind in sich geschlossen. Bausteine könnten auch für Einzelstunden ausgewählt werden. Ideal wäre die Erarbeitung im Rahmen einer Projektwoche oder einzelner Projekttage. Eine Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus den Fachbereichen Kunst, Musik und Deutsch/Kommunikation wäre eine anregende Bereicherung.

 

Modul für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

 

Das Modul zum Thema „Kinder, Jugendliche und die Trauer“ bietet Material speziell für Lehrende, die Studierende, Schülerinnen und Schüler in der Kinder- und Jugendarbeit ausbilden, wie dies in den Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik und den Berufsfachschulen des Sozialwesens in den Ausbildungen zum Kinderpfleger oder Sozialassistenten der Fall ist.

 

Leistungsbewertung

 

Die erste Stunde dient der Organisation. Das Anlegen eines Portfolios wird verabredet, so dass die Auszubildenden die Materialien sammeln, durch eigene ergänzen und auch Ergebnisse der Kreativarbeiten dokumentieren können. Auf diese Weise kreiert ein jeder sein individuelles „Trost-Buch“. Auch für den Lehrer kann es eine Bereicherung darstellen, die durch die Arbeit in der Lerngruppe gewonnenen Anregungen und Erkenntnisse in einem solchen Werk festzuhalten. Des Weiteren werden die Lernenden in das methodische Vorgehen, die geltenden Regeln und Verhaltensweisen eingeführt. Das Portfolio kann benotet werden, wobei auf der Hand liegt, dass dies besondere Sensibilität und Wertschätzung voraussetzt. Eine Stunde für eine Abschlussreflexion sollte eingeplant werden.

Überhaupt bedingt die Bearbeitung des Themenfelds Offenheit und besonderes Einfühlungsvermögen. Nicht selten haben Lernende den Lehrenden etwas voraus, sei es aufgrund individueller Erfahrungen oder durch eine unkonventionelle und intuitive Herangehensweise. Es ist immer wieder erfreulich zu beobachten, welche Stärken vermeintlich „schwächere“ Schülerinnen und Schüler angesichts des existentiellen Themas offenbaren. Die Beschäftigung mit dem Sujet „Jenseits“ erfordert – wie generell die Behandlung des Themas Sterben, Tod und Trauer – die Bereitschaft des Lehrenden zu einem Diskurs auf Augenhöhe. Fragestellungen unterschiedlichen Niveaustufen zuzuordnen, ist daher nicht empfehlenswert.

Kreative Aufgabenstellungen beispielsweise können teilweise gleichermaßen von Kindern wie auch von Erwachsenen bearbeitet werden.

 

Monika Marose


[1]              Fay, Kirsten, Nolden Nicole: Umgang mit Sterben, Tod und Trauer - ein Konzept für SuS der Jahrgangsstufen 9-13, Evaluationsbericht, Köln 2013.

[2]              Wiebicke, Jürgen: Dürfen wir so bleiben, wie wir sind? Köln 2013, S. 160-161

[3]              A. a. O., S. 161.

[4]              Kaléko, Mascha. Memento. In: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. München 2012, S. 1003.

[5]              Heine, Heinrich Heine: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hrsg. von Manfred Windfuhr. Bd. 4: Atta Troll. Ein Sommernachtstraum / Deutschland. Ein Wintermärchen. Bearb. von Winfried Woesler. Hoffmann und Campe, Hamburg 1985, S.1235.

[6]              Brocher, Tobias. Wenn Kinder trauern. Reinbeck 1985, S. 16.

[7]              Herkenhoff, Peter. Mit Respekt und Taktgefühl. In: Leidfaden: Zwischen Sensation und Sensibilität. 2015, S. 69-71.

[8]              Karlo Meyer: Glaube, Gott und letztes Geleit. Göttingen 2015, S. 12f..

[9] Ebd.

 

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