One Two
Sie sind hier: Startseite Tagung: Identität und Verständigung

Identität und Verständigung: eine Didaktik des Berufsschulreligionsunterrichts in interreligiöser Perspektive

 

Identität und Verständigung:

eine Didaktik des Berufsschulreligionsunterrichts

in interreligiöser Perspektive

 

In Kooperation mit dem Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche im Rheinland (PTI) lud das Bonner evangelische Institut für berufsorientierte Religionspädagogik (bibor) am 13. und 14.02.17 zu einem Symposion ins PTI Bonn. Das Thema der Tagung lautete Identität und Verständigung: eine Didaktik des Berufsschulreligionsunterrichts in interreligiöser Perspektive.

 

Foto 2Fragen interreligiösen Lernens beschäftigen Prof. Andreas Obermann, den stellvertretenden Direktor des bibor, seit vielen Jahren. Veranstaltungen und Publikationen des Instituts widmen sich der Thematik. Prof. Michael Meyer-Blanck, der Direktor des bibor, konstatierte im Rahmen seines einführenden Vortrags, dass das Thema offensichtlich dran sei. Tatsächlich hatte die Veranstaltung im Vorfeld beachtliche Resonanz erfahren, der Vielzahl von Anmeldungen standen kaum ausreichend Plätze zur Verfügung.

 

Inhaltlich lag der Focus des Fachgesprächs vor allem auf dem muslimisch-christlichen Dialog - auch wenn dieser freilich nur eine Facette des interreligiösen Diskurses beschreibt. An berufsbildenden Schulen in NRW wird das Fach Religionslehre seit den 90er Jahren weitgehend im Klassenverband unterrichtet. Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Religionen und Konfessionen, aber auch agnostische und nicht-konfessionell gebundene Lernende sind in den evangelischen Religionsunterricht eingeladen und arbeiten hier gemeinsam. Die Einführung des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) – im Dezember 2011 wurde das Gesetz in NRW verabschiedet - gibt Anlass zur Positionsbestimmung. Erste Lehrende für die Schulform Berufskolleg erwerben gerade an den Universitäten Münster und Osnabrück ihre Abschlüsse und zählten erfreulicherweise auch zu den Teilnehmenden der bibor-Veranstaltung.

 

Im Rahmen des Symposions sollten Religionspädagoginnen und Religionspädagogen, die an Schulen lehren, ebenso gehört werden wie jene, die an Universitäten arbeiten. Zunächst sprach Bernd Ridwan Bauknecht, Sachverständiger im dialog forum islam in NRW und seit mehr als zwölf Jahren Lehrer für, zunächst Islamkunde, und heute Islamischen Religionsunterricht. Bauknecht forscht außerdem zur Didaktik des Koran und verfasste verschiedene Unterrichtswerke. Er bekennt, religionspädagogisch stehe man am Anfang. Muslimische Religionslehrerinnen und –lehrer stünden dennoch vor ähnlichen Herausforderungen wie ihre christlichen Kollegen, z.B. wenn es gelte im Gespräch mit Jugendlichen das Thema Spiritualität zu reflektieren. Zum Thema Konfessionalität und Kooperation trat Bauknecht in Dialog mit Prof. Thorsten Knauth von der Universität Duisburg-Essen. Knauth ist Leiter der Arbeitsstelle interreligiöses Lernen und regelmäßig Gastprofessor an der Akademie der Weltreligionen in Hamburg. Seit Jahrzehnten plädiert er für eine dialogische Religionspädagogik. Diese gewann im sog. Hamburger Modell, dem Religionsunterricht für alle (Rufa), schulisch Gestalt. Zu Beginn seiner Ausführungen formulierte Knauth die These, dass wir gegenwärtig bereits in einer postkonfessionellen Zeit leben würden.

 

Dr. Johannes Voigtländer, Pfarrer und Bezirksbeauftragter für den Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen des Kirchenkreises Köln, erinnerte daran, dass nicht religionspädagogische Überlegungen, sondern fiskalische Interessen in den 90er Jahren in NRW dazu führten, den Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen weitgehend im Klassenverband durchzuführen. Voigtländer beobachtet eine Selbstvergessenheit evangelischer Lehrender und wendet sich gegen einen Unterricht, den er provokativ Reli Light nennt und in dem weder Konfession, noch christliche Religion überhaupt, erkennbar Unterrichtsgegenstand seien.

 

Birgit an Elten, Lehrerin am Erzbischöflichen Berufskolleg Köln und Bundesvorsitzende und Sprecherin des Bundesvorstands des Verbands katholischer Religionslehrerinnen und –lehrer an berufsbildenden Schulen (VKR) konzentrierte den Blick auf die Lehrerpersönlichkeit und die Fülle erforderlicher Kompetenzen, um der Heterogenität und Vielfalt der Lernenden im Religionsunterricht gerecht werden zu können.

Jochen Bauer, der als Fachreferent der Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg federführend mit der Weiterentwicklung des Religionsunterrichts für alle befasst ist, verwies auf die Notwendigkeit, dass Religionsunterricht in seiner Konfessionalität erkennbar zu sein habe. Dies erfordere nicht nur das Grundgesetz, sondern sei eine Voraussetzung religiöser Identitätsbildung. Er skizzierte konkrete, pädagogische Settings, welche einen Unterricht in gleichberechtigter Verantwortung verschiedener Religionsgemeinschaften gewährleisten.

 

Herr Dr. Ahmet Ünalan aus dem Ministerium für Schule und Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen berichtete, wie sehr das Thema des Islamischen Religionsunterrichts zum Politikum geworden sei. Bis dato erhalten schulformübergreifend lediglich 5 % der 360 000 muslimischen Schülerinnen und Schüler in NRW Islamischen Religionsunterricht.

 

Die Imanin und Religionspädagogin Rabeya Müller machte unter dem Titel Pluralitätsfähigkeit – ein Thema für den (Islamischen) RU? deutlich, was guter Religionsunterricht zu leisten vermag. Für den IRU beschrieb sie als größte Herausforderung, Gemeinsamkeiten mit anderen Religionen als Bereicherung zu sehen und Exklusivitätsphantasien aufzugeben. Sie betonte, wie sehr es auf die Didaktik ankomme. Im Rahmen ihres Projekts Muslim 3.0 beispielsweise hatte sie gemeinsam mit der Kollegin Lamya Kaddor junge, muslimische Männer bewegen können, sich von traditionellen Rollenbildern zu lösen und auf der Bühne - vor versammelter Elternschaft - hinter ihren Mitschülerinnen zu beten.

 

Prof. Bernhard Grümme, katholischer Religionspädagoge von der Ruhr-Universität Bochum, widmete sich dem Thema Christentum und Islam: Perspektiven christlicher Theologie und Religionsdidaktik. Grümme spricht, in Anlehnung an den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, von einer Theologie der Vergegnung. Die sog. abrahamitischen Religionen nennt Grümme ein Konstrukt. Bis in die 60er Jahre habe es keinen Dialog zwischen christlichen und islamischen Theologen gegeben. Das Ungenügen der interreligiösen Thesen zeige sich darin, den Wahrheitsanspruch der Religionen zu dekonstruieren. Die komparative Theologie versuche, dem entgegenzuwirken. Als Desiderate beschrieb Grümme u.a. die Suche nach aufgeklärter Heterogenität und den Umgang mit Religionen in Traumatisierungskontexten. Er verwies darauf, dass für viele christliche Schüler, das Christentum zur Fremdreligion geworden sei.

 

Die Fachleiterin Bettina Schütz aus Aachen beschrieb, dass jenseits des interreligiösen Lernens bereits konfessionelle Kooperationen in der Praxis des Schulalltags erschwert seien. In Bildungsgängen, in denen konfessionell getrennt unterrichtet werde, sei eine Kooperation zwischen römisch-katholischen und evangelischen Lehrkräften beispielsweise aufgrund unterschiedlicher Bildungspläne kaum möglich. Demografische Aspekte dürften in Überlegungen für die Zukunft des BRU nicht außer Acht gelassen werden. Schließlich werde es von evangelischer Seite künftig dramatisch an Nachwuchs mangeln. Bei allen theoretischen Überlegungen zum interreligiösen Lernen dürfe eine Grundvoraussetzung nicht vergessen werden: sollen Kooperationen in der Praxis gelingen, benötigen Verantwortliche Mittel und Ressourcen. Es ist Anliegen von Schütz, auch das Unterrichten junger zugewanderter Erwachsener im BRU methodisch und didaktisch in den Blick zu nehmen.

 

Dr. Rainer Möller vom Comenius-Institut in Münster formulierte im Blick auf die interreligiöse Bildung eine rassismuskritische Perspektive. Er gab zu bedenken, dass der interreligiöse Dialog mit dem Islam von christlicher Seite keineswegs auf Augenhöhe geführt werde. Unter Verwendung des Begriffs Othering, wie er in postkolonialen Schriften von Edward Said Anwendung fand, verwies Möller auf eine Religionisierung des Othering-Prozesses in Folge der Terroranschläge auf das World-Trade- Center am 11.09.2011. Indem Menschen zu anderen erklärt würden, werde ihnen Zugehörigkeit verweigert. Möller beobachtet einen strukturellen Rassismus nicht nur in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch im theologischen Diskurs.

 

Foto 1Meyer-Blanck bat in der abschließenden Podiumsrunde spontan auch Cordula Hartwig von der Qualitäts- und Unterstützungsagentur des Landesinstitut für Schule (QUA-LIS NRW) auf die Bühne. Hartwig ist dort zuständig für die Lehrplanentwicklung in den Fächern Religionslehre und Philosophie und stellte sich Fragen und Anliegen der Teilnehmenden.

Zu guter Letzt attestierte Grümme der Wissenschaft verschmitzt zu wenig Realitätssinn. Den im Rahmen des Symposions geführten Diskurs zum Thema „Konfessionalität“ beschrieb er als einen von Eliten. Prof. Rudolf Englert, katholischer Religionspädagoge an der Universität Duisburg-Essen, habe im Rahmen einer empirischen Untersuchung von 100 Stunden Religionsunterricht kein einziges konfessionelles Element beobachten können.

 

Angesichts von Kurzweiligkeit und Dichte der Vorträge und Diskussionen dankte Meyer-Blanck den Anwesenden und schloss die Veranstaltung humorvoll mit einer Reminiszenz an den (Brecht zitierenden) Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki: So sehen wir betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen! – Das bibor wird die Zeit des geschlossenen Vorhangs nutzen, seine Forschungen zu einer Didaktik des (B)RU zwischen Konfessionalität und Interreligiosität voranzutreiben.

 

Monika Marose

Artikelaktionen