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Religion und Beruf: Zur Religion des Berufsschul-Religionsunterrichts

Expertentagung des bibor im Gustav-Stresemann-Institut am 14./15.09.2012

Das Bonner evangelische Institut für berufsorientierte Religionspädagogik (bibor) lud zum Fachgespräch, um die spezifischen didaktischen Herausforderungen des Religionsunterrichts an beruflichen Schulen multiperspektivisch zu reflektieren.

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Professoren (Meyer-Blanck und Buschfeld) im Gespräch ...

 

Aus der gesamten Republik kamen die Diskutanten in Bonn zusammen. Professorinnen und Professoren, Vertreter der Landeskirchen, Fachberaterinnen, Pfarrer, Religionslehrerinnen und -lehrer, Direktoren der Pädagogisch-Theologischen Institute, Verantwortungsträger aus dem Schulministerium des Landes NRW und weitere Interessierte, ihnen allen lag am Herzen, die Sache des von der Religionspädagogik allzu lange vernachlässigten Stiefkindes Berufsschul-Religionsunterrichts (BRU) voranzutreiben.

Zunächst legte Michael Meyer-Blanck, der Direktor des bibor, grundsätzliche Überlegungen „zur Religion des Berufsschul-Religionsunterrichts“ dar. Er verdeutlichte die Notwendigkeit der Entwicklung einer Didaktik des Berufsschul-Religionsunterrichts im Kontext von Berufsfeldbezug, Tradition und Subjekt. Es folgten Berichte zum Arbeitsstand der Projekte des bibor: Jan Völkel referierte Grundgedanken einer Didaktik des BRU im Kontext wirtschaftsbezogener Bildungsgänge. Monika Marose skizzierte Aspekte einer religionspädagogischen Krisenbegleitung als Thema in der Fachschule für Sozialpädagogik. Andreas Obermann, dessen umfassende Forschungen zum BRU im Übergangssystem diesen Herbst publiziert werden, ließ O-Töne von Schülerinnen und Schülern hören. Die Statements der Auszubildenden veranschaulichten eindrucksvoll, welche Widerstände es im Alltag des BRU zu überwinden gilt, um die „Geschmacksnerven“ Jugendlicher für Religion zu sensibilisieren.

Die Reihe von Vorträgen eröffnete Martina Kumlehn von der Universität Rostock. Ihr Thema waren fundamentaltheologische Überlegungen zur Religion von Berufsschülern. Sie machte zunächst deutlich, dass angesichts des Totalitätsanspruchs der Ökonomie in unserer rationalistisch-materialistischen Welt auch von den Religionen erwartet werde, sich „auf dem Marktplatz“ zu bewähren. Kumlehn legte vielfältige Dimensionen religiöser Kompetenz dar und machte deutlich, dass religiöse Bildung niemals ohne Religionskritik denkbar sei. Religion an sich sei nicht der Sinn, sondern vielmehr die Sinnfrage; „Sinngrund“ und zugleich „Sinnabgrund“.

Carsten Gennerich von der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt referierte Vorgehen und Ergebnisse seiner empirischen Forschungen zu einer Dogmatik von Jugendlichen. Werte und Einstellungen Heranwachsender sind die Bezugsgrößen von Gennerichs religionsdidaktischen Reflexionen. Er konstatierte, dass der Mehrwert der theologischen Perspektive von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vielfach nicht wahrgenommen werde.

Am Abend lud Michael Wermke von der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu einem Besuch des von ihm im Jahre 2011 gegründeten „Zentrums für Religionspädagogische Bildungsforschung“ (ZRB) in Jena. Das Institut widmet sich sowohl vergangenen als auch gegenwärtigen Bedingungen und Formen religiöser Bildungsprozesse; historische, systematische und empirische Zugänge bestimmen die Forschungsarbeit des noch jungen Zentrums. Wermke bot einen kurzen Einblick in ungebrochen aktuelle historische Diskurse, z.B. zur Entwicklung der Schulaufsichtsfrage im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und den preußischen Fürstentümern Ende des 19. Jahrhunderts; manche These büßte an Aktualität erstaunlich wenig ein. Das ZRB widmet sich auch der Untersuchung „kriegsreligionspädagogischer“ Beiträge in Zeitschriften für den evangelischen Religionsunterricht während des Ersten Weltkriegs.
In der folgenden Diskussion schilderten sowohl Wermke als auch Kumlehn Realitäten aus dem Alltag von Religionspädagogen in den sog. Neuen Bundesländern, wo Konfessionalität ein „plurales Zugehen auf diffusem Feld“ (Wermke) erfordere. Viele Jugendliche haben in der Schule erstmalig Kontakt mit Religion, Studenten der Evangelischen Religionslehre nicht selten auch erst an der Hochschule.
Am nächsten Morgen berichtete Bernhard Dressler (Philipps-Universität Marburg) von Erfahrungen aus der qualitativen Erforschung von „Bildungsreligion“ und mahnte im Rahmen seiner methodologischen Überlegungen zur Bescheidenheit. Er machte deutlich, dass quantitative Verfahren religiösen Fragen nur bedingt gerecht werden können und wie behutsam und kontrolliert empirische Forschung verfahren müsse. Hermeneutisch-analytische Verfahren sollten sich auf Ergebnisse zum Einzelfall beschränken und Generalisierungen vermeiden.

Christian Grethlein von der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster beschrieb Erfahrungen aus der quantitativen Forschung zur Religion des RU. Er konstatierte, dass empirische Untersuchungen des RU stets in Krisenzeiten gefordert würden und verwies auf Ergebnisse von Unterrichtsforschung zum RU des beginnenden 20. Jahrhunderts, die durchaus Parallelen zu denen des beginnenden 21. Säkulums aufweisen. Quantitative Unterrichtsforschung sei langfristig unverzichtbar, gerade weil sie bezogen auf den RU selten geworden ist. Grethlein machte deutlich, dass Verallgemeinerbarkeit als Ziel quantitativer Forschung zur Religion des RU ausgeschlossen sei.

Das letzte Wort der Fachtagung gehörte der Berufspädagogik. In seinem Vortrag reflektierte Detlef Buschfeld, Direktor des Instituts für Berufs-, Wirtschafts- und Sozialpädagogik der Universität zu Köln, das Thema „Identität – Sozialität – Sinn“ bzw. die Rolle der berufsübergreifenden Fächer aus Sicht der Berufspädagogik. Er veranschaulichte die Argumentation von Unternehmen und Handwerksbetrieben, die zu Recht Erwartungen an den Berufsschul-Religionsunterricht haben und dessen Unverwechselbarkeit und Unverzichtbarkeit in der Vermittlung beruflicher Handlungskompetenz einfordern. Dass der Erhalt des Religionsunterrichts im Grundgesetz gesichert ist, beschreibt lediglich eine normative Voraussetzung; als Argument in der bildungspolitischen Debatte erweist sich der Rückzug auf Rechtslagen jedoch als wenig förderlich. Buschfeld empfiehlt, dass der BRU im Verbund mit den allgemeinbildenden Fächern in der beruflichen Bildung seinen Stellenwert behaupten solle. Kompetenzen, die die Auszubildenden im BRU erwerben, müssten so unverzichtbar für diese sein wie die „Kenntnis der Brandstätten-Verordnung“. - Abschließend stellten sich die Referenten noch einmal gemeinsam den Fragen des Plenums.

Die Fachtagung zum Thema „Religion und Beruf“ zeichnete sich insgesamt aus durch Dichte der Vorträge und der Diskussion. Der Austausch über die Vorträge war offen und lebhaft, kontrovers und konstruktiv. Der Diskurs wurde nicht nur bundesländerübergreifend, sondern auch im Geist der Ökumene geführt. Der katholische Religionspädagoge der Universität Bonn, Reinhold Boschki, und auch Matthias Gronover, Mitarbeiter des Tübinger kibor, dem Tübinger katholischen Pendant des bibor, zählten zu den Diskutanten.
Ein Austausch über den BRU der Gegenwart ohne die Berücksichtigung interreligiöser Aspekte würde der Realität an den beruflichen Schulen kaum gerecht. Auch wenn dies im Rahmen des letztlich allzu kurzen Fachgesprächs dieses Mal nicht ausdrücklich Thema war, wurde das Themenfeld im Austausch über die Vorträge doch immer wieder berührt. Herr Bernd Ridwan Bauknecht, Lehrer für Islamkunde, Mitglied der Deutschen-Islam-Konferenz und Mitglied im „Zukunftsforum Islam“, trug hier zur Klärung mancher Frage bei. Hilfreich waren des weiteren Ergänzungen und Hinweise von Frau Ministerialdirigentin Dr. Beate Scheffler, die die Reflexionen zur „Religion des Berufsschul-Religionsunterrichts“ aus Sicht des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes NRW ergänzte.

 

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Die Abschlussrunde mit den Referenten (Gennerich, Grethlein, Buschfeld, Dressler v.l.)

 

Zum Ende der Tagung sahen die Anwesenden den Vorhang geschlossen und manche Frage offen. Die Lust am Diskurs und dessen Notwendigkeit bestehen somit fort. Die Institute, die sich der berufsorientierten Religionspädagogik in dieser Republik widmen, nämlich das bereits erwähnte katholische kibor, das evangelische eibor, beide in Tübingen ansässig, und das Bonner bibor, schaffen hierzu gemeinschaftlich Gelegenheit: Am 16. November findet in Frankfurt am Main der bundesweit erste ökumenische Zukunftskongress BRU statt: Titel „Gott – Bildung – Arbeit“. Erzbischof Hans-Josef Becker und der Ratsvorsitzende der EKD, Dr. h.c. Nikolaus Schneider, werden in Frankfurt und die "Frankfurter Erklärung zur Zukunftsfähigkeit des BRU“ überreicht bekommen.

Wer den Wunsch hat, die Vorträge der Expertentagung nachzulesen, das bibor wird diese im Rahmen einer Publikation der Öffentlichkeit zugänglich machen.

 

Hier kommen Sie zum Programm der Expertentagung

 

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